Meditation VI
Vom Beweis der körperlichen Existenz und ihrer Abgrenzung zum Geist
Seit dem 15. Jahrhundert, da Nikolaus Kopernikus das heliozentrische Weltbild etablierte, erlebten die Naturwissenschaften über Galileo Galilei bis hin zu Johannes Kepler einen kontinuierlichen Fortschritt in ihren Entdeckungen. Wahrheit über Erde und Menschheit erlangte man durch das Studium der Natur, deren Vielfalt durch unsere Sinne aufgenommen wurde und uns so neue Erkenntnisse lieferte.
Descartes sah darin einen für ihn zunächst unhaltbaren Ausgangspunkt allen Forschens und daraus resultierenden Wissenszuwachses: Wie kann ich mich selber oder Dinge außerhalb von mir überhaupt als Untersuchungsobjekt benutzen, wenn ich nicht einmal weiß, ob sie existieren. Denn wenn dem nicht so wäre, gäbe es keine Möglichkeit sichere Erkenntnis über irgendetwas zu erlangen. Um nun ein Fundament finden zu können, das unbezweifelbar wahr ist, überlegt Descartes zunächst in seinen ersten Meditationen, was als sichere Voraussetzung angenommen werden kann, auf die sich im Anschluss weitere Aussagen gründen lassen.
Er stellt fest, dass er in vielen Dingen Täuschungen unterlegen sein könnte: So sind die Sinne manchmal trügerisch, wenn wir Halluzinationen unterliegen; unsere vermeintliche Realität könnte ein einziger Traum sein; und treibt man das Maß der Irreführung auf die Spitze, so könnte es ein böses Wesen geben, das uns in allem fehlleitet. In diesen Überlegungen findet er schließlich seine erste Erkenntnis: Um mich zu täuschen oder täuschen zulassen, muss ich in irgendeiner Weise – und sei es als denkendes Ding – existieren. Aber ist das schon alles? Gibt es nicht vielleicht doch körperlich existente Dinge und wenn ja, ist diese Existenz eine Andere als die Denkende? Im Folgenden zeige ich Descartes’ Argumentationsstruktur aus seiner sechsten Meditation, in der er bestrebt ist, diese Fragen bejahend zu beantworten.
Zunächst versucht Descartes diese Beweise auf nicht metaphysischer Ebene zu erbringen. Für ihn stellt sich heraus, dass es einen Unterschied zwischen der bereits in Meditation II entdeckten Vorstellungskraft und der reinen Verstandestätigkeit gibt. Unser Denken beispielsweise kann sich sowohl ein Tausendeck als auch ein Zehntausendeck deutlich machen. In der Vorstellung erreichen wir nicht diese Genauigkeit: Es stellt sich uns darin einfach als ein Vieleck dar. So scheinen wir ohne die Einbildungskraft trotzdem Dieselben zu bleiben, woraus sich ergibt, dass sie von etwas anderem als unserem Denken abhängen muss. Aber von was?
Nun die reine Verstandestätigkeit richtet sich auf unseren Geist, die Vorstellung auf den Körper. Letztere kann also nur zustande kommen, sofern ein Körper außerhalb unseres Geistes existiert. Etwas abschwächend folgert Descartes daraus zum ersten Mal, dass dies demnach wahrscheinlich auch zutrifft. Über die Einbildung hinaus haben wir auch Sinnesempfindungen, die einerseits nicht willentlich beeinflusst werden können, andererseits auch viel klarer als Gedanken zu sein scheinen. Wieder zwei Kriterien, aus denen man schließen kann, dass auch diese sinnliche Erkenntnis von außerhalb unseres Denkens kommen muss. Über diese, die Empfindungen hervorrufenden Dinge, habe ich keine andere Kenntnis außer diesen Sinneseindrücken. Woraus zu sehen ist, dass die Dinge ihnen zumindest ähnlich sind (wenn nicht sogar gleich und damit existent).
Als drittes Argument in diesem Abschnitt führt er für die Trennung von Körper und Geist eine, wie er meint, recht leicht einzusehende Tatsache an: Der Körper ist etwas Teilbares. Ihm können z.B. Gliedmaßen entfernt werden. Der Geist jedoch ist unteilbar. Tritt am Körper eine Veränderung auf, z.B. durch Verletzungen, so bleibt das Denken davon unberührt. Damit müssen die beiden zwei voneinander verschiedene Substanzen sein.
Im nächsten Schritt geht Descartes den Beweis auf metaphysischer Ebene an. Bereits in der V. Meditation zeigte er die Existenz Gottes. Dieser ist im Folgenden das grundlegende Prinzip zur Erklärung von Erkenntnisfähigkeit. Descartes weiß, dass alles, was klar und deutlich erkennbar ist, von Gott so geschaffen werden kann. Und da er darauf vertraut, dass Gott ein vollkommenes Wesen und somit nicht betrügerisch ist, müssen diese Dinge existieren. Denn andernfalls hätte der Allmächtige uns die Fähigkeit gegeben zu erkennen, dass es sich anders damit verhält.
Ich habe nun von mir selber eine klare Vorstellung genauso wie von meinem Körper. Demnach müssen die beiden getrennte Dinge sein und vor allem auch existieren. Außerdem ist der Geist unabhängig vom Körper. Bei seinen Interpretationen mit Gott nimmt Descartes noch einmal den Gedanken auf, dass Vorstellungen und Empfindungen von etwas anderem herstammen als unserem Denken. Dass sie nicht von mir kommen, ich sie aber dennoch wahrnehmen kann, setzt voraus, dass es eine andere Substanz gibt, die die aktive Fähigkeit etwas in mir hervorzurufen besitzt. Dabei handelt sich also um eine körperliche Existenz oder Gott. Womit das Dasein von außerhalb sich mir befindender Dinge wiederum erklärt wäre, da Gott uns glauben macht, die Empfindungen kämen von ihnen. Wenn sie das nicht täten, wüssten wir es, da der Allmächtige kein Betrüger ist. Die Dinge müssen nicht genauso existieren, wie ich sie wahrnehme, aber für alles, was an ihnen klar und deutlich erkennbar ist, trifft das zu.
Als letztes, sehr allumfassendes Gottesargument geht Descartes auf die Natur ein. Sie kommt auch von Gott, sodass alles, was sie uns lehrt, Wahrheit in sich birgt: Sie sagt mir, dass ich einen Körper habe. Sie lehrt mich, dass außerhalb meines Körpers noch Andere existieren, die mich beeinflussen. Und sie zeigt mir, dass mein Geist im Körper nicht gefangen, sondern unabhängig ist und beide nur eine gewisse Einheit bilden.
Für Descartes steht also fest: Der Mensch ist nicht nur ein denkendes Etwas. Er besitzt neben dem Geist auch einen Körper und interagiert mit diesem und anderen körperlich existenten Dingen. Dabei ist der Geist (oder auch die Seele, wie er es nennt) eine vom Körper verschiedene, unabhängige Substanz. Inwieweit seine Argumentationsstruktur auch andere überzeugen kann, ist am Ende nun fraglich. Denn im Grunde genommen basieren die meisten seiner Aussagen und damit der größte Teil seines gesuchten Fundamentes auf Gott und dessen Existenz. Außerdem stellt sich möglicherweise auch die Frage, wozu die körperliche Existenz vonnöten ist, wenn doch die Seele auch eigenständig ihr Dasein leben kann.