An dieser Stelle möchte ich mal wieder die Gelegenheit nutzen und ein furchtbar tief sitzendes Klischee aus unserem Wissen vertreiben: Die Eskimos haben nicht mehr Schnee im Kopf als wir!
Ich las heut den wahrscheinlich interessantesten Essay dieses Semesters: Geoffrey Pullums „The Great Eskimo Vocabulary Hoax“ (1991). Wenn ihr des Englischen mächtig seid, nehmt euch die Zeit. Er ist es mehr als wert. Allein die Sprache, satirisch und lehrreich, was neue Vokabeln angeht. Gut, dass ich ihn nicht mit nach draußen genommen habe. Hier ein kleine Zusammenfassung.
Jeder ist in seinem Leben sicher schon einmal der Behauptung begegnet, die Eskimos hätten sonstwieviele Wörter für Schnee. Das wird nicht nur in unterschiedlicher Form durch die Medien verbreitet, sondern auch in psychologischen, linguistischen und eigentlich sämtlichen anderen Textbüchern an Universitäten und Schulen erzählt, wo es eben als „außergewöhnlicher Fakt“ immer auch hinein passt. Wer einen genaueren Blick darauf wirft, wird erkennen, dass man sich weder einig ist, wie viel Wörter es denn nun genau sind, noch dass es überhaupt eine einheitliche „Eskimosprache“ gibt, da die verschiedenen Völker, die wir klischeemäßig unter dem Wort Eskimo zusammenfassen, über viele Gebiete verstreut leben (Sibirien, Alaska, Canada etc.).
Was uns die Geschichte über die Verbreitung des Eskimoschneevokabelklischeewissens zeigt, ist die Faulheit der Wissenschaft. Scheinbar niemand hat je Beweise dafür gebracht, wie lang eine mögliche Liste für Schneewörter nun eigentlich ist, welche Wörter drinstehen müssten, welche Kriterien man für die Aufnahme solcher Wörter in diese Liste ansetzen müsste etc.
Angefangen hat augenscheinlich alles bei einem gewissen Franz Boas („The Handbook of North American Indians, 1911), der den Eskimos 4 verschiedene Wörter für Schnee zusprach. Verglichen hat er das mit der englischen Sprache, die mehrere Wörter für „Wasser“ kennt (See, Fluss, Welle, Flüssigkeit etc.). Dann kam Benjamin Lee Whorf („Science and linguistics“, 1940) und packte noch ein paar Wörter drauf, obwohl die Primärquelle Boas Artikel war. (Es ist sehr nett zu lesen, wie Pullum über Whorf herzieht.)
Tja, und ab da verbreitete sich der Irrglaube in Wissenschaft und Medien und jeder nennt dabei andere Zahlen: 1984 waren es dann schon 100 Begriffe nach Angaben der New York Times, ein Wetterbericht in den USA erzählte im selben Jahr etwas von 200 Stück … Wo sind die Vor-Ort-Studien, wo die Beweise?
Analysiert man aufgestellte Listen mit den angeblichen Wörtern für Schnee, wird auch bei vielem deutlich, dass es sich nicht wirklich um ein neues Wort für Schnee handelt, sondern lediglich im Zusammenhang mit Schnee stehen kann. Beispiel: „igluksaq“ soll angeblich „Schnee zum Iglobauen“ heißen. Was in Wirklichkeit dahinter steckt, ist eine einfache Wortformation: „iglu“ bedeutet „Haus“ und „-ksaq“ sowas wie „Material für“. Das Wort ist in dem Sinne kein eigenständiges Schneewort, sondern lediglich eine Vokabel für „Material zum Hausbau“, wie bei uns.
Zum Abschluss noch einen Absatz zum Thema: Unglaublich, die Eskimo haben X Wörter für Schnee! -.- Haben wir auch… Schnee, Schneematsch, Schneeregen, Graupelschauer, Lawine, Schneesturm (Blizzard), Neuschnee, Puderschnee, Schneegestöber, Schneewehe… Schaut euch vielleicht die englischen Begriffe dazu an, im Gegensatz zu uns (einfallslosen?) Deutschen steht da nicht jedes Mal ein „Schnee-“ davor
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Darüberhinaus wäre es selbst in dem Falle, dass die Eskimos sehr viele Wörter für Schnee hätten, nichts Außergewöhnliches, das überall und immer wieder als Solches anzugeben wäre. Wie Pullum es so schön formuliert: Pferdezüchter haben verschiedene Namen für Rasse, Größe und Alter von Pferden, genauso wie Botaniker eine Reihe von Namen für Blätterformen besitzen – nichts worüber die Welt und angesehene Wissenschaftsmagazine jeden Tag berichten müssten.
Einen Tip gibt Pullum uns zum Schluss mit auf den Weg: Wenn wir das nächste Mal von jemandem erzählt bekommen, wie viel Wörter doch die Eskimos für Schnee hätten und wir für die Wahrheit und die Wissenschaft eintreten wollen, dann sollen wir einfach antworten: C.W. Schultz-Lorentzens „Dictionary of the West Greenlandic Eskimo Language“ (1927) gibt nur zwei mögliche Wortstämme für Schnee an: qanik (Schnee ist in der Luft bzw. Schneeflocke) und aput (Schnee auf dem Boden). Und dann könne man ja noch nachfragen, ob der Neunmalkluge noch weitere aufzählen könne
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Wer dem Sprachlichen noch etwas weiter nachgehen möchte, kann sich an Anthony Woodbury wenden (Eskimologist an der Universität von Texas, Austin). Ansonsten sei abschließend bemerkt, dass wir nun hoffentlich alle eines Klischees weniger behaftet sind und uns in unserer wissenschaftlichen Arbeit (oder wobei auch immer) nicht mit unbegründeten Anekdoten anderer Leute begnügen, sondern fleißig hinterfragen und niemals unkritisch werden.
zwei anmerkungen:
das sind auch zwei unterschiedliche sprachen. wen meinst du denn mit „wir“, englisch- oder deutschsprechende? wenn bei uns immer ein kompositum gebraucht wird, haben wir die passenden begriffe wohl nicht.
klar ist es was bemerkenswertes. pferdezüchter können sich ja nach belieben begriffe definieren, natürliche sprachen entwickeln sich ganz anders als fachsprachen. und dazu haben die herren sapir-whorf eben eine meinung…
wie dem auch sei, das ist ja ein ganz alter hut: google nur mal „eskimo schnee“ und die welt ist voller begeisterter mythenvernichter. schade finde ich nur, daß niemand einen link zu einer etwas umfassenderen untersuchung (nicht nur zu dem einzelnen datenpunkt „schnee“!) der hypothese zur hand zu haben scheint. und wenn man sich wikipedia durchliest, argumentieren manche aus versehen schon wieder für den angeblichen mythos:
schweiz, österreich und bayern eben – gegenden, in denen sich menschen mit schnee auseinandersetzen müssen. das ist doch grade sapir-whorfs punkt. jetzt zeig mir den friesen, der harsch, firn, griesel und sulz zu seinem wortschatz zählt…
Whorf ist in meinen Augen nicht mehr vertrauenswürdig. Er hat ja nicht nur bei den Eskimos einfach wild Hypothesen aufgestellt, um seine Theorie zu „beweisen“. Das gleiche unwissenschaftliche Schema findet sich in anderen „Studien“ von ihm auch – siehe z.B. die Hopi.
Und ich denke schon, dass bspw. die Pferdezüchter in den gleichen Topf geworfen werden können. Das hat genauso mit natürlicher Sprache zu tun. Ob die Menschen in viel Schnee leben und Begriffe dafür entwickeln, um sich gezielter unterhalten zu können oder ob das Menschen tun, die in einer Umgebung aufwachsen, in der sie tagtäglich mit Pferden (und eben nicht mit Schnee) zu tun haben. Da hat sih niemand hingesetzt und gesagt: „Das bezeichnen wir jetzt mal so und so“.
Es ist logisch, dass Menschen, die nciht an der See leben, kaum Begriffe für irgendetwas dort kennen und die Seefahrer dutzende Unterscheidungen für alles Mögliche aufbieten können. Das ist normale Sprachentwicklung: Die Dinge in unserer Umwelt bekommen einen Namen, damit wir über sie kommunizieren können. Darin sehe ich nicht, dass Sprache unsere Konzepte beeinflusst, wie das der liebe Whorf meint, sondern eher noch die Wahrnehmung unserer Umgebung zu bestimmten Konzepten über die Welt in uns führt, die wiederum einen Namen bekommen. Nicht andersherum.
Mit „wir“ meine ich natürlich Deutschsprachige und ob wir nun jedes Mal „Schnee“ davorschreiben sagt nicht, dass wir deswegen keine neuen Wörter für den entsprechenden Zustand hätten.
also, was die botaniker betrifft mit ihren namen für blätterformen, wirst du doch wohl nicht behaupten wollen, daß die auf „natürlichem“ wege entstanden seien, weil irgendeine „botanikerpopulation“ in einem entsprechenden habitat gelebt und ihre sprache daran angepaßt hätte. das sind menschen, die sich auf ganz bewußte art und weise für eine terminologie ihrer wissenschaft entschieden haben, über diskussion in fachzeitschriften vermutlich. die setzen sich also bei jedem neuen paper hin und schreiben „das bezeichnen wir jetzt mal so und so“. beim pferdezüchten wird das nicht groß anders sein, wenn auch einige der begriffe schon recht alt sein könnten – da geraten wir dann in eine grauzone, was „reitervölker“ der vergangenheit betrifft…
aber dann sprichst du den eigentlichen punkt an: haben die menschen diese wörter, weil sie entsprechende konzepte aus ihrer wahrnehmung haben, oder wird ihre wahrnehmung von den entsprechenden konzepten aus ihrem wortschatz geformt? ich sage: sowohl als auch – denn du als individuum bist nicht mit deinem „volk“, deiner sprachgemeinschaft oder der population in deinem lebensraum identisch. die sprachgemeinschaft reagiert zweifellos über längere zeiträume auf die erfordernisse der umwelt, und die sprache paßt sich dieser an. du als einzelne aber erschaffst dein vokabular nicht aus dem nichts, dein beitrag zum sprachwandel ist klein. also mußt du mit den begriffen auskommen, die die sprache zu deinen lebzeiten bietet, und die beeinflussen auch dein denken, davon bin ich überzeugt.
kennst du nicht das gefühl, wenn man endlich ein wort lernt für einen sachverhalt oder ein konzept, das man schon ewig mit sich herumgetragen hat, nicht wissend, was man damit anfangen soll? irgendwie vage und nebelhaft, kann man den gedanken nicht weiterdenken, man kann ihn nicht einordnen, nicht abgrenzen. sieht die welt nicht völlig anders aus, wenn das wort endlich da ist? jetzt kann man sinnvoll mit anderen darüber reden, verknüpfungen ziehen und viel klarer erkennen, wann das phänomen vorliegt und wann nicht. so verstehe ich sapir-whorf.
Du musst aufpassen, dass du nicht ein paar Dinge zusammenwürfelst: Wenn du sagst, dass Wahrnehmung von den entsprechenden Konzepten aus ihrem Wortschatz geformt werden könnte, dann stecken da zwei verschiedene Dinge drin: Einerseits wie innere Konzepte Wahrnehmung beeinflussen und andererseits wie Sprache unsere Konzepte beeinflusst. Das sind zwei unterschiedliche Akspekte
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Ich bin im Thema Konzepte-Wahrnehmung als auch Konzepte-Sprache der Ansicht, dass es wechselseitigen Einfluss gibt, allerdings denke ich nicht, dass Sprache im Fall der Eskimos ihre mentalen Schneekonzepte formt (oder bei uns, da ich auch zeigen wollte, dass wir uns nicht sonderlich von den Eskimos unterscheiden, was diesen Punkt angeht), wie Whorf das behaupten würde.
Was in deinem letzten Abschnitt steht, ist nicht wirklich Sapir-Whorf. Du gehst davon aus, dieses Konzept schon zu haben, dem dann ein Name zugeordnet wird. Das ist genau die entgegengesetzte Theorie zu Sapir-Whorf. Letztere gehen davon aus, dass du erst das Wort hast und dann als Resultat ein Konzept formst. Aber die Funktionen von Konzepten hast du sehr schön zusammengefasst
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du hast recht, daß man den unterschied zwischen begriffen und konzepten machen sollte (und deren beziehung zur erkenntnisfähigkeit) – hab ich auch gemacht
. whorf macht den allerdings nicht, soweit ich weiß.
meinen letzten abschnitt hast du ein bißchen falsch verstanden, glaube ich: das konzept wird erst geformt, wenn das wort da ist. vorher hindert mich der fehlende begriff daran, vernünftig über den gegenstand nachzudenken. natürlich hindert er mich nicht völlig am nachdenken.
ich versuche es nochmal anders: wir sehen (und hören) nur, was wir kennen. deswegen haben wir so oft das komische gefühl, daß irgendein random fact, eine person oder ein ereignis, über das wir gestern auf wikipedia gelesen haben, „plötzlich“ „überall“ auftaucht – im fernsehen, radio, auf der straße, in gesprächen. in wahrheit trat dieses fact schon immer genausohäufig auf, wir haben es nur ausgefiltert, weil es uns unbekannt und damit irrelevant erschien. – nun, und „kennen“ oder „kennenlernen“ können wir eben nur wirklich dinge, die wir beschreiben können. lies mal einen feministischen artikel über die lebenslange entfremdung von mädchen von ihren geschlechtsorganen, weil ihnen kein akzeptables wort dafür angeboten wird… oder anders: wer das wort „wald“ nicht hat, sieht eben nur nen haufen bäume.
Hm, aber ich glaube trotzdem, dass die Konzepte schon da sind. Wenn du den Wald als Gemeinschaft von Bäumen siehst, weil du das Wort nicht kennst, wird sich, glaube ich, nicht viel ändern, bekämest du das Wort für das eigentliche Konzept, das du vor Augen hast. Den Feminismuswink lass ich mal außen vor, die nerven mich gerade genug…
Den Effekt, etwas plötzlich deutlicher wahrzunehmen und überall zu sehen, kenne ich gut (als die Freundin meines Vaters schwanger war, habe ich überall schwangere Frauen gesehen… -.- ) Aber das hat auch wenig damit zu tun, dass du plötzlich ein neues Konzept hast bzw. entwickelst. Den zugrunde liegt vor allem, würde ich meinen, die erhöhte Aufmerksamkeit; Wachheit quasi für wichtige Dinge (wobei es natürlich immer den Unterschied gibt zwischen dem, was ich wichtig finde und meinem evolutionär biologischen Apparatus).
Wenn du meinst, dass ich über ein Konzept schlecht nachdenken kann, wenn ich nicht den richtigen Begriff dafür habe (oder gar keinen) impliziert die Ansicht, dass Gedanken sprachlich sind (Language of Thought Theory). Dem widerspreche ich. Sprache ist nur ein Werkzeug. Gedanken und damit Konzepte können auch ohne existieren.
Ich kenne Dinge, auch wenn ich sie nicht beschreiben kann. Das beste Beispiel dafür sind Gefühle. Ich könnte nicht mal die Hälfte davon beschreiben, geschweige denn ihnen ein Wort zuordnen, dennoch kenne ich sie. Viele sind mir vertraut, sie kehren oft wieder, sind aber nicht so trivial versprachlichbar wie Eifersucht oder Zorn, die ich sofort namentlich erkenne. Trotzdem kann ich in jeglicher Hinsicht über sie nachdenken, selbst sprachliche Elemente einbauen.
Was dabei unbestritten bleibt, ist natürlich die Tatsache, dass ich sowas dann schlecht kommunizieren kann, aber wie gesagt, Sprache ist eben ein Werkzeug und wenn ich das an Stellen nicht habe, büße ich gewisse Funktionen ein. So als wären meine Patronen für meinen Füller alle.