In der Emotionspsychologie gibt es grob 2 widerstreitende Theorien über die Ansicht, wie Emotionen entstehen. Die eine – postuliert von James & Lange – besagt, dass wir erst einen gewissen physiologischen Erregungszustand einnehmen, woraus sich dann eine Emotion ergibt.
Wir sind traurig, weil wir weinen.
Die andere – und von mir ursprünglich stärker vertretende – Theorie geht vom Gegenteil aus: Ein gewisser Gefühlszustand führt zu einer physiologischen Reaktion.
Wir weinen, weil wir traurig sind.
In der vergangenen Woche bekam ich nun zum ersten Mal ein Experiment gezeigt, das die erste Annahme unterstützt und mich notwendig zum Umdenken gebracht hat. Stuart Valin stimmt mit den Argumenten überein, dass es schwierig ist aus Erregungszuständen Emotionen abzuleiten, da erstere nicht so vielfältig sind wie die Masse an Gefühlen, die wir beschreiben können. Um dem jedoch gerecht werden zu können, lautet eine seiner Schlussfolgerungen daraus, dass gewisse Erregungszustände nicht automatisch und unbewusst zu einer Emotion führen, sondern nur über eine bewusste Wahrnehmung. Der reale physiologische Zustand ist somit keine notwendige Bedingung, aber unsere Bewertung des eigenen Erregungszustandes. Wenn man also diese Wahrnehmung manipuliert, müssten sich die entsprechenden Bewertungen der angeblich gefühlten Emotion ändern. Und das hat er nachgewiesen. Okay, here we go.
Männliche Versuchspersonen bekamen Bilder aus dem Playboy gezeigt und hatten die einzelnen Frauen nach ihrer Attraktivität zu beurteilen. Gleichzeitig wurde ihnen über Kopfhörer ihr Herzschlag bewusst gemacht. Das allerdings war vorgetäuscht. In Wahrheit hörten sie Herzfrequenzen, die vom Versuchsleiter vorgegeben wurden. Betrachteten die Probanden nun ein Bild, so erhöhte sich in einer Gruppe und erniedrigte sich in der zweiten Gruppe der „Herzschlag“.
Wenn wir nun von der These ausgehen, dass die Emotion, also die gefühlte Attraktivität, Einfluss auf den Erregungszustand hätte, dann sollten sich die Ratings zwischen den beiden Gruppen nicht großartig unterscheiden (nur die eigentliche individuelle Herzfrequenz). Geht man jedoch davon aus, dass der Erregungszustand und laut Valin besonders die Wahrnehmung dessen einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Emotion hat, dann sollten Unterschiede in den Gruppen erkennbar sein, da die Wahrnehmung in 2 Richtungen manipuliert wurde.
Und wer glaubts? Genau das hat Valin und einige Wiederholungsexperimente zeigen können. Bei angeblich hohem Herzschlag wurden die Frauen signifikant attraktiver bewertet im Gegensatz zu der Gruppe mit „niedrigerer“ Frequenz – sie beurteilten Frauen in solchen Situationen als weniger attraktiv.
Es erscheint, als würden die Versuchspersonen ihren Herzschlag als Bewertungskriterium heranziehen. Diese Beeinflussung konnte inzwischen auch für andere Bereiche gezeigt werden, u.a. in der Schmerzwahrnehmung und bei Aggression.
Für mich persönlich ergibt sich aus diesen Umständen, dass es sich (wie so oft) nicht um eine einseitige Ursache-Wirkung-Relation handelt, sondern Wechselwirkungen in beide Richtungen vorhanden sind. Sobald ich für den umgekehrten Fall ein Experiment kennen lerne, gibt es den nächsten Eintrag zu diesem Thema.
Hat sich der Herzschlag der Probanden denn wirklich erhöht? Oder wurde das nicht geprüft?
Im ersten Experiment wurden keine physiologischen Werte gemessen. Allerdings kam es ihnen ja auch mehr darauf an, dass die Bewertung, es gäbe eine Veränderung bereits den Unterschied auslöst. Die Autoren denken allerdings nicht, dass die vorgespielte Herzrate einen Einfluss auf die aktuelle Frequenz hat, sondern nur kognitive Auswirkungen. Sie haben die Vp nach ihrem gefühlten Herzschlag gefragt und der war unter dem der Kontrollgruppe. Trotzalledem, in einem Replikationsexperiment wurde schließlich auch die Herzrate gemessen und es konnten keine Einflüsse der von den Vp gehörten Geräusche gezeigt werden, die sich irgendwie von der Kontrollgruppe unterschieden hätten.
lustiges experiment
aber ich verstehe den abschnitt nicht:
Stuart Valin stimmt mit den Argumenten überein, dass es schwierig ist aus Erregungszuständen Emotionen abzuleiten, da erstere nicht so vielfältig sind wie die Masse an Gefühlen, die wir beschreiben können. Um dem jedoch gerecht werden zu können, lautet eine seiner Schlussfolgerungen daraus, dass gewisse Erregungszustände nicht automatisch und unbewusst zu einer Emotion führen, sondern nur über eine bewusste Wahrnehmung.
ist die bewußte wahrnehmung von erregungszuständen denn vielfältiger als die unbewußte?!
das umgekehrte experiment dürfte sehr sehr einfach, aber ethisch nicht ganz astrein sein – man müßte ja nur ein paar leute zum heulen kriegen, indem man sie emotional manipuliert *diabolischlach* nagutnagut, man könnte sie auch wiederum mit pornobildchen füttern, wenn sexuelle attraktivität als emotion gelten soll. dann erhöht sich die herzrate, leitfähigkeit der haut etc, fertisch
Mit dem Gegenexperiment wäre ich auch einverstanden
.
Die bewusste Wahrnehmung des eigenen physiologischen Zustandes ist insofern vielfältiger, als es hier um die kognitive Bewertung des beobachteten Zustandes geht und die kann sich bei gleicher physiologischer Konstitution variabel unterscheiden, nicht nur zwischen mehreren Personen, sondern auch in dir selbst. Wenn du also einen Zustand heute als so erfährst und daraus Emotion A entwickelst, dann kannst du den gleichen Zustand morgen anders „bemerken“ und als Resultat die Emotion B entwickeln (so die Hypothese). Der eigentliche physiologische Zustand ist nicht anders und könnte damit laut These von James & Lange nicht 2 verschiedene Emos auslösen.
Ach, zu dem vorgeschlagenen Experiment: So ganz sicher wär ich mir doch nicht. Wie ich bereits Martina geantwortet habe, hat sich scheinbar die reale Herzfrequenz nicht sonderlich verändert. Müsste man das Paper des Replikationsexperiments mal besorgen.
Attraktivitätsempfinden ist keine Emotion.
Ich würds vielmehr als einen Vermittler von Emotionen ansehen.
Wie dem auch sei…
Den Befund finde ich nicht sonderlich überraschend.
Allerdings hat er in meinen Augen überhaupt nichts mit James&Lange/Cannon zu tun.
Wovon du da sprichst, ist doch nichts anderes als Kausalattribution (wie du selbst irgendwo erwähnst).
Der gedankliche Hüpfer von „kognitive Auffassung des Erregungszustands“ zu „Erregungszustand“ ist doch etwas.. weit.
Wenn die VP in der Kabine hört, dass ihr Herz heftig zu pochen anfängt, wird sie einen Grund dafür suchen und wahrscheinlich den naheliegenden Grund „Ich finde die Frau da geil“ als Ursache auffassen und die andere mögliche (hier: tatsächliche) Ursache „die VL verarschen mich“ ausblenden.
Das hat nur nichts mit der tatsächlichen Herzrate zu tun, widerspricht also weder James&Lange noch Cannon.
Die James&Lange-“traurig, weil weinen“-Theorie ist für mich nicht plausibel, da sie — wie von dir erwähnt — impliziert, dass es für jede Emotion ein charakteristisches Muster physiologischer Merkmale gibt.
Das ist jedoch empirisch nicht bestätigt.
Gegenbeispiel 1 (Stemmler, 1989):
Im Experiment induzierte Freude (durch freundlichen VL, positive Rückmeldung) unterschied sich in 14 gemessenen physiologischen Variablen nicht von der Kontrollbedingung (Zahl-Zuordnungsaufgabe).
Gegenbeispiel 2 (Keillor et al., 2002):
Eine Patientin mit kompletter Lähmung der Gesichtsmuskulatur zeigte keinerlei Beeinträchtigung des emotionalen Erlebens und verfügte auch über empathische Fähigkeiten.
Andersrum existieren allerdings auch Befunde, die nahelegen, dass physiologische Veränderungen Emotionen erzeugen.
Die blöde Stockhorst stellte in ihrer Vorlesung kurz den Befund von Strack et al., 1988 vor:
VP sahen einen Cartoon während sie einen Bleistift zwischen den Zähnen hielten (Mundstellung soll Lächeln ähneln).
Sie empfanden den Cartoon mit Bleistift zwischen den Zähnen lustiger als in der Kontrollbedingung: das Halten des Bleistifts in der nichtdominanten Hand
Der Cartoon wurde weniger lustig bewertet, wenn die VP den Bleistift zwischen den Lippen hielten (was einen am Lächeln beteiligten Muskel hemmte).
Man kann also abschließend keiner Theorie voll und ganz zustimmen. Kuhl nimmt an, dass es sich bei dem Prozess der Emotionsentstehung um eine Folge reziproker Verbindungen im Gehirn handelt, wobei Emotionen physiologische Prozesse auslösen und umgekehrt auch von ihnen beeinflusst werden (Kuhl, 1983).
Thank you very much.
Den Autoren ging es hier um emotionale Stimuli und wenn du das Wort „Attraktivität“ nicht passend findest, schlag ein Besseres vor o.Ä.
Dieses Experiment hat in sofern mit James & Lange zu tun, als es hier darum geht, dass Emotionen scheinbar durch physiologische Komponenten ausgelöst bzw. beeinflusst werden und wie dur richtig erkannt hast, handelt es sich hierbei um Kausalattribution, d.h. die Versuchspersonen bemerken die scheinbare Änderung ihrer physiologischen Konstitution und suchen nach einer Ursache dafür. Was ich hierbei nicht glaube, ist, dass die Männer sich denken: Hm, mein Herz schlägt schneller. Warum? Ach ja, wenn ich das und das Gefühl habe tritt sowas auf, also sollte ich jetzt das und das fühlen. – Und plötzlich fühlen sie das auch. Was ich eher sagen würde, ist, dass hier natürlich um eine kognitive (falsche) Bewertung geht, die Grundlage aber die physiologische Erregung ist und bleibt – bei James & Lange unbewusst, bei Valins bewusst. Und egal wie das im Detail funktionert, ist es eine erstaunliche Tatsache, die ich James & Lange nicht so einfach abnehmen würde, Valins schon mehr.
Was du mit „Hüpfer“ meinst, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Physiologische Erregung ist das, was konkret mit meinem Körper zu einem bestimmten Zeitpunkt passiert. Und „kognitive Auffassung“ beschreibt das bewusste Erleben dieser vorhandenen physiologischen Erregung. Den Rest diesen Abschnittes in deinem Kommentar habe ich in meinem vorhergehenden Kommentar versucht zu erläutern.
James & Lange kann man allerdings auch nicht so einfach verdammen. Es gibt nicht „keine“ Evidenzen, aber eben auch noch keine schlüssigen Konsistenten. Man untersucht heutzutage, wie die unterschiedlichen Zustände des para- & sympathischen Nervensystems hier mit hineinspielen, da diese grundsätzlich in der Lage wären ausreichendes Wechselspiel für verschiedene Emotionen zu bieten.
Es gibt Gegenbeispiele, wie du sie angeführt hast (auch wenn ich das zweite nciht ganz nachvollziehen kann, weil es bei der Frau anscheinend nur auf Gesichtsmuskulatur ankommt, das in keinem Widerspruch zu James & Lange steht, die vom Organ- bzw. Blutkreislauf ausgehen). Aber es gibt genauso auch Beispiele dafür, wie dein erwähntes Cartoonexperiment, was ich unglaublich kuhl finde. Also, das ist alles nicht so sicher.
Daher freut es mich, dass du am Ende plötzlich auf die gleiche These kommst wie ich. Kuhl scheint mir auf dem richtigen Weg.
Ein ganz simples Experiment gegen James & Lange ist auch dieses hier:
Schwarzt (1971): Versuchspersonen sollten entweder an Buchstaben denken oder an emotionale Themen wie Tod, Sex u.Ä. In letzterem Fall stieg die Herzrate signifikant an.
Ich meine, ist das auch nciht etwas, das wie immer wieder selbst erleben?
Jeder, der an der „Definition“: Physiologische Erregung -> bestimmte Emotion, interessiert ist, sollte sich die Untersuchungen von Schmidt-Atzert (1980) anschauen. Die haben Symptomprofile verschiedener Emotionen erstellt.
Es gibt irgendwo Unterschiede…